Asset Management im Gerüstbau

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Wie in vielen Bereichen des täglichen Lebens, tauchen auch in der Gerüstbaubranche immer mehr englisch-sprachige Fachbegriffe (Anglizismen) auf, mit denen man im 1. Ansatz gar nichts anfangen kann.

Die Fragen, die sich dann im Anschluss stellen sind:

  • Ist das, was der Begriff beschreibt, neu oder ist es nur „alter Wein in neue Schläuche“?
  • Ist das, was der Begriff beschreibt, für mich (meine Firma) relevant?
  • Habe ich eine Wissenslücke?

Beim Unternehmertag 2016 bei PERI in Weissenhorn hat sich Herr Manuel Friedmann (schaltec GmbH) in einem interessanten Vortrag diesem Thema gewidmet. Diese Veranstaltung war mit ca. 70 Gerüstbauern zwar gut besucht- ich halte das Thema allerdings für so wichtig, dass ich diesen Gedanken hier nochmals vertiefen und einer breiteren Fachleserschaft zugänglich machen will.

Begriffsdefinition:

Anglizismen werden oft in fremde Sprachen übernommen, weil sie bestimmte Dinge oder Sachverhalte prägnant beschreiben; bei wirtschaftlichen Fachbegriffen merkt man schnell, dass sich dahinter oft auch die Haltung des (amerikanischen) Turbokapitalismus verbirgt- Bsp: ROI oder shareholder value.

Als „assets“ bezeichnet man allgemein „Vermögen“ – in Bezug auf Unternehmen das Anlagevermögen- in einem Betrieb längerfristig eingesetzte Wirtschaftsgüter.

„Management“ ist per Definition die „konkrete Organisation von Aufgaben und Abläufen“ – in wirtschaftlichem Kontext hat „Management“ stets die Optimierung einer bestimmten  Kennzahl zum Ziel (Gewinn maximieren, Resourcenverbrauch minimieren, Marktführerschaft etc.).

Unter dem Begriff „Asset Management im Gerüstbau“ versteht man die Optimierung des Anlagevermögens über den gesamten Lebenszyklus.

Die Besonderheit des Gerüstbaus liegt vor allem in der hohen Anlageintensität. Kein Handwerksgewerk (und erst recht kein anderer Dienstleistungsbetrieb) erfordert so hohe Anfangsinvestitionen wie der Gerüstbau, bei dem der überwiegende Teil des Kapitals in Sachanlagen (Gerüste, Fuhrpark, Lager) gebunden ist.

Vor allem für Betriebe, die sich im Wachstum befinden, d.h. deren Anlagevermögen auf der Passivseite hohe Finanzierungsaufwendungen gegenüber stehen, ist der Blick auf den Auslastungsgrad extrem wichtig, da die Aufwendungen für Zins und Abschreibungen den Gewinn vermindern. Der ausgewiesene Gewinn in Relation zum Umsatz ist allerdings gerade für Banken eines der wichtigsten Rating-Kriterien.

Das hat vielfältige Aspekte, von denen einige  heute (noch) utopisch anmuten- allerdings nur, weil sie eben noch nicht in aller Munde sind:

  1. Strategie

Bevor man sich mit den Ausprägungen des „asset managements“ beschäftigen kann, sind vorab strategische Fragen der Betriebsausrichtung zu betrachten.

Vereinfacht gesagt, die Antwort auf die Fragen:

  • Wo komme ich (mein Betrieb) her?
  • Wo stehe ich (mein Betrieb) heute?
  • Wo will ich (mein Betrieb) hin?

Zentrale strategische Ziele sind die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und die Möglichkeiten, sich auf veränderte Marktbedingungen einzustellen.

Dabei sind die Fragen der kundenseitigen Ausrichtung (Handwerk, Industrie, Bauwirtschaft) ebenso zu bedenken wie der „Einsatzradius“ (lokal/regional; überregional/national, international) und enden in Fragen der Betriebsorganisation (Niederlassungen, Nachfolge, Betriebsveräußerung).

Kurz-, mittel- und langfristige strategische Ziele sind ebenso zu unterscheiden, wobei ich hier nur ein Ziel nennen möchte, das alle  3 Zeit-Dimensionen beinhaltet:

Ausbildung!

Hier liegt sowohl bei der Ausbildung von gewerblichen Fachkräften als auch bei der Führungskräfteausbildung (Bau- und Betriebsleiter) branchenweit einiges im Argen und zeigt, dass sich die Mehrzahl der Betriebe nicht oder nur wenig mit strategischen und Fragen der Planung beschäftigen.

Diese Erkenntnis ist alles andere als neu und ist in der „Beratungsresistenz“ der Unternehmer begründet bzw. am Unwillen der Branche „an einem Strick“ zu ziehen. In der Vergangenheit habe ich an dieser Stelle bereits auf das offenkundige Missverhältnis von der Anzahl der Gerüstbaubetriebe (SOKA-Betriebe bundesweit ca. 3.000) zu

  1. Innungsbetrieben (ca. 800)
  2. Ausbildungsbetrieben (ca. 400)
  3. Güteschutzmitgliedern (ca.80)

hingewiesen.

Dann würden Gerüstbaubetriebe, wie Forstwirte handeln, deren heutiges Handeln erst von nachfolgenden Generationen „geerntet“ werden kann – würde das Thema „Fachkräftemangel“ nicht in aller Munde sein.

 

  1. Beschaffung und Finanzierung

Stand heute ist bei der Beschaffung Kauf/Mietkauf/Leasing in der Gerüstbaubranche vorherrschend – obwohl Teile der Bauwirtschaft (zB Schalung) ihre Beschaffungs-Möglichkeiten bereits auf das projektbezogene Zumieten von Anlagevermögen ausgedehnt haben.

Beim Kauf ist je nach saisonaler Verfügbarkeit ggf. noch zwischen „neu“ oder „gebraucht“ zu unterscheiden; die Marktsituation auf dem Gebrauchtmarkt verschärft sich seit Jahren einerseits durch die konjunkturbedingte hohe Nachfrage nach Gerüsten (und demnach einem geringen Angebot an Gebrauchtgerüsten) und der Angebotsstrategie einiger Gerüsthersteller, deren Produkte über das Alleinstellungsmerkmal „geringer Preis“ verkauft werden.

Mit der Ausdehnung des „Neurabattes“ sinkt natürlich auch der Restwert des gebrauchten Gerüstes – was sich insbesondere bei der Unternehmens-Bewertung im Verkaufsfall dann auswirkt.

Finanziert wird der Ankauf i.d.R. aus dem cashflow (=Nettozufluss liquider Mittel während einer Periode), über Bankkredite, Mietkaufverträge (=“Ratenzahlung“) bzw. über die Angebote von Leasing-Gesellschaften.

Zentrales Aspekt ist dabei die Bonität, denn dieses Rating-Kriterium bestimmt maßgeblich die Finanzierungskosten.

 

  1. Materialwirtschaft

„Die Materialwirtschaft oder Warenwirtschaft beschäftigt sich mit der Verwaltung sowie der zeitlichen, mengenmäßigen, qualitativen und eventuell auch räumlichen Planung und Steuerung der Materialbewegungen innerhalb eines Unternehmens und zwischen dem Unternehmen und seiner Umwelt. Sie koordiniert den Warenfluss zwischen Lieferanten, Kunden, Bedarfsträgern (zum Beispiel Produktion) und den Lagern. In produzierenden Unternehmen stellt sie die Versorgung der produzierenden Bereiche mit direkten Gütern wie Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen, Zulieferteilen und Halbfabrikaten sowie allgemein die Versorgung mit indirekten Gütern wie Büroartikel, Ersatzteile oder Serviceleistungen sicher.“ (Quelle: Wikipedia)

 

Ziel ist wirtschaftlichen Handelns dabei ist die Optimierung von Wareneinsatz und Erlös über den Lebenszyklus des Anlagevermögens.

Dabei unterscheidet man:

Sachziel: Sicherstellen, dass die benötigten Güter bereitgestellt werden, wenn sie benötigt werden

Formalziel: Aufdeckung und Nutzung von Einsparungspotentialen.

Sozialziel: Umwelt- und Arbeitsschutz.

Hier bieten sich im Gerüstbau-Betrieb vielfältige Möglichkeiten der Ertrags-Optimierung, die oftmals schon durch leichte Veränderungen im Ablauf oder Organisation zu erreichen sind.

  1. Handel

Da die Gerüstbaubranche im Kern eine Dienstleistungsbranche ist (die Vermietung von temporären Bauwerken zum Zweck der Höhenzugangstechnik, des Witterungsschutzes, zum Abtragen von Lasten etc.) kommt dem klassischen Handel als Werkzeug der Materialwirtschaft ein ebenso stiefmütterliches Dasein zu, wie dem „Mieten“ als Werkzeug der Beschaffung.

Um dem Ziel eines hohen Auslastungsgrades =„nur so viel Gerüst wie nötig“ näher zu kommen, ist auch der Verkauf von nicht (mehr) benötigtem Anlagevermögen eine wichtige Variante.

Eine genauere Betrachtung des Anlagevermögens aus der Perspektive eines Händlers bringt stets interessante Aspekte auf, wie z.B. „Lagerverweildauer“, ABC-Artikel, „Schnell- und Langsamdreher“ etc..

Auch hier bieten sich einige einfache Möglichkeiten der Optimierung, indem man eingefahrene Sichtweisen hinterfragt. Bei allen Besonderheiten des Gerüstbauer-Handwerks lohnt sich ein Blick auf bewährte Konzepte aus anderen Branchen!

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